Die Lust am Formen

Über Redaktion, Transformation und Sinnlichkeit

Redaktion ist Handwerk. Als Redakteur*innen arbeiten wir mit Rohmaterialien (Informationen), die wir aufbereiten (Struktur) und in Form bringen (Text). Manchmal fragen wir uns: Warum tun wir das eigentlich? Und: Warum tun wir es so gerne?

Auf den ersten Blick erscheint die Antwort simpel: Als Redakteur*innen in einer Agentur befassen wir uns mit den Themen unserer Kunden und suchen darin das Besondere. Aus dem, was wir finden, erschaffen wir Inhalte, erklären Sachverhalte und erzählen Geschichten. So entstehen Schriftstücke, die Vergangenes bewahren, Zukünftiges entwerfen und im besten Fall Sinn stiften. Manchmal gehören auch Texte dazu, die einfach nur Informationen vermitteln – Gebrauchstexte im besten Sinne. Sie spielen mit den anderen zusammen und erzeugen ein konsistentes Gesamtbild.

Der Akt des Formens

Auf den zweiten Blick ist es nicht nur der Inhalt, der unsere Arbeit ausmacht, sondern der Akt des Formens an sich: das Töpfern solider Ware aus klebrig-wässriger Masse, das Zusammenfügen von Puzzleteilchen zu einem Bild oder das Wegschlagen von Gestein aus einem Block, sodass die Skulptur zum Vorschein kommt. Dieses Formen ist eine ständige Transformation: chaotisch wird geordnet, fragmentiert wird ganz, plump wird elegant.

All das steht in Einklang mit unserem Selbstverständnis als „Agentur für Transformation“. Inhaltlich meint Transformation eine große, oft globale Veränderung: von Digitalisierung bis Klimawandel, von Neo-Ökologie bis New Work. Handwerklich geht es aber auch um die sinnliche Erfahrung des Transformierens selbst, darum, mit bloßer Hand und Gedankenkraft neue Strukturen zu erschaffen. Sinn durch Sinnlichkeit … sozusagen.

Beruf: Zurücktreiber*in

Aufschlussreich sind schon die begrifflichen Wurzeln: Redaktion stammt vom lateinischen „redigere“, das sich mit „zurücktreiben“ oder „in einen Zustand bringen“ übersetzen lässt. Redakteur*innen sind Zurücktreiber*innen, die Informationen einfangen und zu einem sinnvollen, ästhetischen Ganzen komponieren. Transformation hat einen ähnlichen Ursprung: Das lateinische „transformare“ meint das „Umformen“, das Zerlegen und Neuarrangieren. In beiden Fällen entsteht etwas, das es vorher nicht gab, das vielleicht sogar unvorstellbar war.

Was oft so viel Vorstellungskraft kostet, ist die Komplexität der Themen. Gerade gesellschaftliche Transformationen und neue Technologien haben es in sich. Dahinter stecken gigantische Knäuel aus Informationen und Beziehungen, die wie ein heilloses Chaos wirken. Redaktion hat das Verlangen, diese Komplexität zu reduzieren. Um das zu erreichen, nutzen wir unsere Werkzeuge: systematische Recherche, Storylines mit reißfesten roten Fäden und vielfältige Textformate. Im Schreibprozess kommt noch der penible Schliff von Absätzen, Sätzen, Wörtern und Buchstaben hinzu – bis alles sitzt. Unsere Erfüllung finden wir schließlich, wenn wir beobachten können, wie unsere Texte wirken. Wenn die Formulierungen, die wir für unsere Auftraggeber finden, in den Sprachgebrauch ihrer Kunden oder einer Branche eingehen.

Hang zur Dramatik

Zwischen Redaktion und Transformation besteht eine weitere Analogie: Sie haben einen unverkennbaren Hang zur Dramatik. Gesellschaftliche und technologische Veränderungen gehen fast immer mit Konflikten einher, manchmal mit Revolutionen. Ein Beispiel sind die industriellen Umwälzungen seit dem 18. Jahrhundert, die unsere Welt so stark verändert haben, dass sie als „Industrielle Revolutionen“ bezeichnet werden – aber meistens erst danach. Die Menschen, die sie erlebten und häufig auch erlitten, hatten nicht alle die Begriffe und die Gelegenheit, solche Entwicklungen im Gesamten zu sehen. „Verstehen kann man das Leben rückwärts, leben muss man es aber vorwärts“, bringt das der dänische Philosoph Søren Kierkegaard auf den Punkt.

Auch für die redaktionelle Formgebung sind Konflikte der Motor: Für unsere Texte entwickeln wir eine Dramaturgie mit Spannungsbogen und Wendepunkten. Wir überlegen: Wer sind Protagonist*innnen und Antagonist*innen? Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Welche Veränderungen prägen ihre Story? Erst dieser Wandel macht Geschichten lebendig und lesenswert. Oft drückt sich Veränderung durch das Ende von etwas Altem aus, das Platz für Neues macht. Hier fließen Lust und Leid nahtlos ineinander, wie im echten Leben, das sich im stetigen Wechselspiel aus Werden und Vergehen verwirklicht. Als Redakteur*innen leiden wir mit, wenn wir dem Text Leben einhauchen. Das müssen wir, denn genau das interessiert die Leser*innen: Wie gehen die handelnden Akteure mit Konflikten um? Welche Lösung finden sie?

Lust auf Daten

Warum also arbeiten wir gerne redaktionell? Weil wir in den Informationen das suchen, was neu, relevant und spannend ist. Und weil das Formen solcher Inhalte erfüllend ist. Geschichten schlummern überall. Kein Wunder also, dass unsere Fachredaktion schon begeistert Excel-Tabellen mit vermeintlich drögen Datensätzen entgegengenommen hat: weil sie mithilfe von Recherche, Struktur, Dramaturgie und Sprachschliff daraus die Erfolgsgeschichte einer neuen Technologie formen konnte. Es hätten auch andere Daten sein können, das schaffende Erleben wäre ähnlich gewesen.

Für uns als Redakteur*innen ist diese Schreiblust essenziell. Dank ihr bleiben wir nicht nur thematisch flexibel, sondern sinnliche Wesen: beobachtend und denkend mit unseren Sinnen, sinnsuchend und -stiftend mit unserem Handwerk.