Ein Hoch auf das Halbwissen

Halbwissen kann gefährlich sein. Warum wir trotzdem voll und ganz dafür sind.

Manche sagen, es sei besser, nichts zu wissen, als etwas halb zu wissen. „Halbwissen“ klingt negativ, nach Oberflächlichkeit, Mangel, Dummheit. Es ist eben nicht ganz und folglich nicht ganz richtig.

Zu Corona-Zeiten spricht man wieder mehr von Halbwissen und meint damit schlimme Dinge: Fake-News bis zur Infodemie, Verschwörungstheorien bis zur Hysterie. Halbwissen sei gefährlich, wird berechtigterweise festgestellt, weil es erst zu falschen Urteilen und dann zu falschen Handlungen führe. Eigentlich logisch: Dummheit führt zu Fehlern.

Aber muss es so weit kommen? Ist Halbwissen an sich verkehrt? Kann es zwischen „ganz oder gar nicht“ eventuell auch eine gesunde Mitte geben?

Wir lieben Halbwissen!

Im Agenturalltag sind wir permanent in diesem Mittelfeld unterwegs – und wir lieben es! Unser Prinzip ist, neugierig Themen zu erschließen und sie uns zu eigen zu machen. So stoßen wir in der Technologieredaktion ständig auf Neuland: Was hat Bier im Whirlpool zu suchen? Wie geht Pharmaproduktion 4.0? Wie hilft Elefantengras bei der Energiewende? Warum ist Glas weder fest noch flüssig?

Oft sind wir nach ein paar Fachbüchern, Experteninterviews und Diskussionen schlauer. Immerhin schlau genug, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen und sie in klare Worte zu packen. Andererseits macht uns das längst nicht zu Ingenieur*innen oder Wissenschaftler*innen. Also sind und bleiben wir letztlich Halbwissende. Außer in der Kommunikation, wo wir selbstredend Ganzwissende sind.

Nieder mit dem Dunning-Kruger-Effekt!

Mit dieser Einstellung gelingt es uns sogar, das größte Übel des Halbwissens zu umschiffen, gewissermaßen den Charybdis-Strudel des Mittelfeld-Meeres: Selbstüberschätzung. Personen mit Halbwissen neigen dazu, sich selbst maßlos zu überschätzen. Das haben die Psychologen David Dunning und Justin Kruger 1999 in einer Studie gezeigt. Der nach ihnen benannte Effekt führt schlimmstenfalls zu einer Spirale aus Inkompetenz und Hybris, wie öfter in der Menschheitsgeschichte erlebt. Dagegen hilft aber schon ein klein wenig Selbstreflexion: Wer um das eigene Halb-Nichtwissen weiß, wird kaum totalitäre Ansprüche erheben.

Vom Halb- zum 61,8-Prozent-Wissen

Um den negativen Beigeschmack des Halbwissens loszuwerden, könnte es hilfreich sein, etwas mehr als die Hälfte zu wissen. Nicht viel mehr, sonst müssten wir alle zu multiplen Langzeitstudent*innen mutieren, nur ein bisschen mehr. Ein geeigneter Maßstab wäre vielleicht dieser: 61,8 Prozent Wissen zu 38,2 Prozent Nichtwissen.

Weniger Wissen ist manchmal mehr. | Grafik: SCRIPT

Weniger Wissen ist manchmal mehr. | Grafik: SCRIPT

Warum? Weil dieses Teilungsverhältnis, der Goldene Schnitt, in der Natur, Mathematik, Kunst, Architektur et cetera als besonders harmonisch gilt. Dabei entspricht das Verhältnis des kleineren Teils zum größeren dem des größeren Teils zum Ganzen. Der Wissensanteil stünde also in einem ausgewogenen Verhältnis zur Wissen-Nichtwissen-Gesamtheit. Damit lässt sich doch arbeiten.

Testen Sie unser Halbwissen. Ihre Frage, bitte!

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